„Ist das Kunst oder kann das weg?“

Diese Frage scheint zum Slogan der dOCUMENTA 13 geworden zu sein und führte nicht zuletzt zu einem gut verkauften Buch über Documenta-Märchen und Mythen.
Vor allem scheint sich die Frage über den „Kunstbegriff“ an Tieren, Bienen, Blumen, Kompost und Hunden abzuarbeiten. Oder wie es Jens Jessen im Zeitmagazin formulierte „Kann Leben Kunst sein?“

 

 

 

Kann ein Hund Kunst sein?   

Der dOCUMENTA-Beitrag von Pierre Huyghe steht exemplarische für Beiträge, die viele Kunstkritiker die dOCUMENTA als Kunstschau in Frage stellen lässt. Aber war sie das jemals? Eine reine Kunstschau, wie z.B. die ART Cologne, in der Galerien ihre „Entdeckungen“ vorstellen und zum Marktschlager hippen wollen?

Die Documenta in Kassel war schon immer eine politische Kun(st)dgebung, die von Arnold Bode bewusst in einer Auseinandersetzung mit der Nazizeit und den Gegenreaktion durch Gegenwartskunst konzipiert wurde. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunftsschau waren immer schon Bestandteile der Konzepte auch nachfolgender Kuratoren.

Da taucht sie auf Humana, aus dem Dickicht des berauschenden "Untilled" Hügels

 

Der Beitrag „Untilled“ (unbestellt) von Pierre Huyghe nimmt diese Komponenten ebenfalls auf. In einer Ecke in der Aue, in der der Strauchschnitt und die Abfälle des Parks zu Kompost werden, hat er die Haufen mit „berauschenden“ Pflanzen, wie Engelstrompete, Hanf usw. bepflanzen und das Areal erobern lassen. Die Veränderung des Kassler Stadtbildes durch Natur ist nichts Neues, denn Beuys hat auf der Documenta 7 zur „Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung“ aufgerufen und mit 7000 Eichen das Stadtbild mancherorts erheblich verändert. Eine dieser Eichen liegt auch, eines natürlichen Todes dahingerafft, auf dem Areal und wird somit als zeitgeschichtliches Dokument in die aktuelle Kunst integriert. Die „Land Art“ fristet bei vielen Kunstkritikern ein Randdasein und wenn sich diese neben der Beschäftigung mit der Form auch noch mit Leben und Vergehen, Wachsen und Aufblühen beschäftigt, dann wird der Künstler schnell zum Gärtner. Während die „geformte“ Natur noch als Kunst anerkannt wird, der Mensch in dieser Kunst eine Kunstrolle spielen kann, also in der Kunstform aufgehen können, können Bienen und Hunde dies nicht. Sie leben einfach nur, so Jens Jessen und könnten nur im Kopf des Betrachters auf eine Kunst-Ebene gebracht werden. Also durch die Imagination des Betrachters zu einem Gesamtkunstwerk.

Die Bienen haben im Laufe der Zeit ihren Kunstbau überwuchert, sind mit dem Kunstwerk in Interaktion getreten.

 

Kann ein Hund Kunst sein? Diese Frage stellen sich die Leiterin und auch der Künstler gar nicht. Der Anthropozentrismus wird in Frage gestellt, mit der Aufforderung sich in die Wahrnehmungswelt anderer Lebewesen zu versetzen. Diese Frage ist nicht neu, sondern stellte schon Franz Marc mit seinem Bild „Hund vor der Welt“, das durch eine Wanderung mit seinem Hund Russi initiiert wurde, als dieser bei einer Rast konzentriert in die Landschaft schaute und Franz Marc zu der Frage veranlasst „was der wohl gerade denkt?“

Franz Marc, Hund vor der Welt (oder wie Russi die Welt sah)

Diese Frage haben sich schon so viele Tierhalter gestellt. Das Interesse an der inneren Welt der Tiere scheint immer mehr zuzunehmen, man möchte verstehen, man möchte kommunizieren. Am besten zeigt sich dies im Wandel der Hundeerziehung in den letzten Jahrzehnten - man rückt immer mehr ab von einer reinen Konditionierung von Kommandos, man versucht das ursprüngliche Verhalten der Hunde untereinander zu entschlüsseln, mit Körpersprache, Gesten und Kommunikation ein gemeinsames Leben in Absprache aufbauen. Man beobachtet indigene Hundestämme und deren Koexistenz mit den Menschen und stellt fest, dass ohne Ausbildung und Training die Hunde sich eigene Aufgaben in der menschlichen Nähe suchen. Die einen gehen mit den Männern auf die Jagd, die anderen mit den Frauen die Herden hüten, andere wiederum bleiben im Lager halten Kinder und Lager sauber. Als ich die Podenca Humana mit ihrem Sohn Senõr in dem Areal sah, stellte ich mir die Frage, wie sie mit diesem neuen Umfeld umgehen. Die Podenca stammt ja aus Spanien und wurde auf der Straße vom Tierschutz aufgesammelt. Diese Rasse wird in Spanien nicht durch Ausbildung und Zwang für die Jagd vorbereitet, sondern nur diejenigen miteinander verpaart, die ganz ursprünglich genetische Fähigkeiten aufweisen. Sie jagen mit allen Sinnen, kommen mit jedem Gelände zurecht und bewegen sich unglaublich elegant mit körperlichen Fähigkeiten wie Sprungkraft, Wendigkeit und Schnelligkeit, die einem bezaubern. Dazu zeigen sie eine beeindruckende Sensorik bezüglich ihrer Umwelt. Als Gruppenjäger geben sie feinste Signale an ihre Jagdgemeinschaft ab und stimmen sich in Bewegung und Strategie in Windeseile ab. Sie saugen Emotionen, gerichtete Aufmerksamkeit und Unstimmigkeiten auf und reagieren in Sekundenschnelle.

Wie Hund die Kunstwelt sieht oder Humana macht ihren Job

 

Pierre Huyghes hat den perfekten Hund für seine Installation im Tierheim ausgesucht. Kein Schäferhund, kein Border Collie, kein Dalmatiner würde sich so mit dem Gelände vereinigen. Keiner würde sich so selbstverständlich und doch so distanziert zwischen so vielen Besuchern bewegen. Die Hündin ist nicht scheu, aber rassetypisch sehr selbstständig und mit einer ausgeprägten Individualdistanz zu Fremden. Sie könnte sich auch den ganzen Tag mit ihrem Sohn im Dickicht der Pflanzen versteckt halten, das tut sie aber nicht. Typisch für diese Hunde hat sie ihren Job erkannt. Sie weiß was von ihr in dieser neuen Arbeitswelt erwartet wird. Und keiner hat sie trainiert! Ihr „Care-Taker“ hat wohl mit ihr einige Stunden bei einem Hundetrainer absolviert, aber weniger um ihr ihren dOCUMENTA-Job beizubringen, sondern damit die beiden zusammenwachsen. Und die beiden sind ein gutes Team. Er ein in sich ruhender Mensch, der wie seine Hündin und ihr Welpe, den Trubel mit einer unglaublichen Stärke und Geduld annehmen. Sah man die Anfangsbilder der Hündin in der Presse, so wirkte sie auf diesen Fotos beschwichtigend, unsicher im Gelände und auch in einer Haltung die signalisierte „was wollen die von mir?“. Als ich nun da war, zum Ende der dOCUMENTA, wusste sie genau was von ihr erwartet wurde. Sie spielte mit der Aufmerksamkeit der Menschen und sie wusste genau wie sie sie auf Abstand halten konnte. Ein Teil des Geländes ist für die Besucher gesperrt, der Teil mit der Bienenskulptur. Und dort hat sie sich wirklich in Pose gestellt, damit sie fotografiert wird. Und sofort surrten und klickten alle Kameras. Als wollte sie sagen, „nun reichts aber“, ging sie mitten unter das Publikum, wich Berührungen aus und ging zu ihrem Care-Taker Marlon Middecke, der mit ihr in ihr gemeinsames Rückzugsgebiet, eine kleine Hütte ging. Es ist schön diese selbstverständliche Verständigung zwischen den beiden zu erleben und bei ihm werden die beiden Hunde nach der dOCUMENTA auch ihr neues Zuhause finden. Dann soll aus dem Kunstleben ein Alltagsleben werden. Ich bin gespannt, wie es funktioniert.

"Na, jeder ein Foto geschossen?"

Um es auf den Punkt zu bringen, so wie der Mensch in diesem Beitrag seine Rolle, wie er selbst sagt, als Performer spielt, spielt auch Humana ihre Rolle. Wenn auch nicht den ganzen Tag. Man muss die Hündin beobachten, um zu entdecken, wann sie neben der Ausbildung ihres Sohnes (Stöbern, im Dickicht verbergen, anschleichen, Sprung) ihren dOCUMENTA-Job macht. Kunst gäbe es nicht ohne Leben. Wann Kunst entstanden ist, ist für Kunsthistoriker immer noch eine schwer diskutierte Frage. Sind die Wandmalereien prähistorischer Völker Kunst? Oder die Reliefs in den Tempel der antiken Ägypter. Die einen sagen „Ja“, weil ein Wille zur Ästhetik und individuellen Formgestaltungen vorliegen, die sich ohne weiteres mit zeitgenössischen Kunstwerken in Vergleich setzen lassen. Die anderen sagen „ Nein“, weil diese Völker gar keinen Kunstbegriff hatten und die Reliefs und Wandmalereien in einem funktionalen Kontext von Magie und Religion zu begreifen sind. Wenn nun ein Tier eine solche Empathie mit fremden Menschen aufbaut und versteht, dass es eine enorme Wertschätzung und Anerkennung bekommt, wenn es bestimmte Verhaltensweisen ausführt, dann hat es bestimmt keine Ahnung von Kunst, interagiert aber genauso wie der Mensch in einer Kunstinstallation, für die sie der Künstler eingesetzt hat. Zum Kunstevent gehört auch, das Marlon Middecke jeden Tag eine Zeichnung anfertigt, die dann in einem Buch herausgegeben werden. Ich hätte es interessanter gefunden, wenn er die Verhaltensentwicklung der Hunde in den 100 Tagen aufgezeichnet hätte, aber da kommt bei mir neben dem Kunsthistoriker wieder der Kynologisch-Interessierte zu Tage.

"Dann kann ich ja jetzt gehen und Pause machen!"

Am heftigsten wurde die „fehlende Kunst“ am Dog Run von Brian Jungen abgearbeitet. Amine Haase bezeichnet es als Albernheit, während Michael Hübl es in ähnliche Lächerlichkeit zieht, indem er den Text des Begleitbuches, das den Hunden die Möglichkeit einräumt „verschiedene Skulpturen (zu) erkunden, um sich von den Beschränkungen des Stadtlebens zu erholen“ in seiner Wertung dieses Beitrags setzt: „so dürfen in Jungens Kunstquartier Hunde munter zwischen designgeschichtlich unterfütterten, weil Mies van der Rohe paraphrasierten Objekten herumtollen.“

Dog Run "Betreten ohne Hund verboten"

Ein Kunstwerk, das man nur mit Hund erleben kann. Vielleicht auch das eine Erfahrung, die die Kunstkritiker nicht erleben und damit begreifen können. Was aus der Entfernung wie ein Design-Hunde-Parcour erscheint, ist  für die Hundebesitzer eine gemeinsame Erlebnis-Welt mit ihrem Hund. Die Hunde entspannen und interagieren zwischen den Objekten von Jungen. Da wird geklettert und gegraben. Für Kassels Hundefreunde ist das Objekt zum Pilgerziel geworden und ist eines der vielbesuchten Beiträge ganz am Ende der Karlsaue.

Selbst bei Regen war immer etwas los und die Hunde haben die Objekte erklettert, dazwischen Fangen gespielt und im Sand gewühlt, während die Besitzer sich unter das Sonnendach zurückgezogen hatten.

 

Inzwischen gibt es eine Initiative, die sich dafür einsetzt, dass der Beitrag auch nach der dOCUMENTA den Bürgern erhalten bleibt. Ob sie das schaffen, wird sich zeigen. Denn es muss dafür Geld beschaffen werden und es muss ein Platz in der Stadt gesucht werden. Ich wünsche den Kassler Hunden, dass es gelingt, denn wenn man überlegt, was so manche Kunst am Bau der Stadt kostet und wie wenige ein Felsen dort und ein Eisending hier die Bürger bewegt, so wäre hier, wie bei Guiseppe Penone‘s „Idee di pietra“, die Akzeptanz der Kasselaner gewährleistet. Ganz im Gegenteil zur „Treppe ins Nichts“ von Gustav Lange, die letztendlich die Stadtverwaltung mit viel Strafgeld hat abreißen lassen, weil sich die Bürger an ihr aufgerieben haben. So hat Jungens Beitrag geschafft, was anderen verwehrt blieb. Er wird von den Bürgern angenommen und sorgt genau für das Ziel der Leiterin - den Blick auf unsere Welt zu lenken. Wie sagte Christov-Bakargiev zur Eröffnung: „Was die Teilnehmer tun und was sie auf der dOCUMENTA ausstellen, mag Kunst sein oder nicht. Doch ihre Handlungen, Gesten, Gedanken und Kenntnisse erzeugen Verhältnisse und werden durch Verhältnisse hervorgebracht, die man als Kunst interpretieren kann, Aspekte, die Kunst behandeln und aufgreifen kann.“ In diesem Sinne ist Junges Dog Run wahre städtische Kunst, die einen Aspekt städtischen Leben künstlerisch aufgegriffen hat.

Mensch und Hund in Kunst vereint!

Ein Artikel zum "Care Taker" von Humana und Senõr